Berlin, KI und die Frage, die mir zu wenig Bühne bekam
Letzte Woche Big Bang Festival in Berlin. Zwei Tage, über 10.000 Menschen, mehrere Bühnen. Und trotzdem hat es sich an keiner Stelle nach Messehalle angefühlt.

Das ist die erste Überraschung. Ein Event dieser Größe, das familiär bleibt. Man kann sich treiben lassen, an einer Bühne hängen bleiben, zwei Gespräche später in einer ganz anderen Ecke landen. Genau dafür fährt man hin. Man trifft Menschen wieder, die man lange nicht gesehen hat. Und merkt bei einem kurzen Kaffeeschnack, dass es viel zu lange war. Die zehn Minuten im Stehen waren oft ergiebiger als eine halbe Stunde im Saal.
Erst gestottert, dann gezündet
Die Eröffnung war ehrlich gesagt zäh. Viel Ankündigung, wenig Zug.
Dann kam Tim Höttges. Ein Feuerwerk, aber keine Vision aus dem Baukasten. Klare Ansagen. Wir sollten uns als Unternehmer, als Wirtschaft und als Wirtschaftsnation endlich in Bewegung setzen. Er hat das mit einer Zahl untermauert, die hängen bleibt. In den USA entstehen 57 große Sprachmodelle, in Europa zwei. Man muss das nicht dramatisieren, man muss es nur einmal laut sagen. Das war nicht nur inspirierend, es war motivierend, und das ist der selten der Effekt wenn man an den T-Konzern denkt. Deshalb habe ich mich im Nachgang mehr mit der Telekom beschäftigt und muss mein Bild komplett korrrigieren. Aber dazu ein anderes mal.
DAS Thema der Tage
Über allem lag die Frage, die gerade durch jede Timeline läuft. Bringt KI uns um. Dario Amodeis Essay, die Ausstiege bei Anthropic, die zehn Prozent. In fast jedem Vortrag tauchte das auf, mal als Einstieg, mal als Pointe, mal als Achselzucken.
Ich verstehe den Reflex. Wenn die Erbauer selbst nervös werden, hört man hin. Nur bekam die Frage nach dem dritten Mal mehr Bühne als die Antworten, die man eigentlich bräuchte.
Masterclass oder Verkaufsraum
Dazu eine Frage in Richtung der Veranstalter, ausdrücklich wertschätzend gemeint. Masterclasses sind in den letzten Jahren zu einer Art Weiterbildungsersatz geworden. Man geht mit der Erwartung rein, etwas zu lernen. Was man in der Regel bekommt, ist eine gut gemachte Vorstellung dessen, was der Vortragende verkauft.
Das ist nicht verwerflich, aber es ist etwas anderes. Vielleicht gehört das Format als Zusatz auf so ein Festival und nicht als Kernstück. Die Veranstalter können das besser beurteilen als ich. Die Erwartungshaltung im Publikum sollte man aber kennen.
Was ich aus Berlin mitnehme
Die Branche redet über Modelle. Über Agenten, das geht immerhin in die richtige Richtung. Über Assistenten, die dem Mitarbeiter ein Recherchetool in die Hand geben. Alles legitim. Alles zu klein gedacht.
Die eigentliche Frage ist der Anwendungsfall dahinter. Nicht, wie ein Mensch mit KI schneller arbeitet. Sondern wo ein ganzer Prozess ohne Menschen läuft. Dark Factories gibt es. Dark Offices sind die logische Fortsetzung. Ganze Abteilungen, in denen niemand mehr das Licht anmacht, weil niemand mehr reingeht.
Drei Fragen habe ich mir im Zug notiert.
Welcher Prozess im eigenen Unternehmen sollte längst ein Dark "Office" sein, wenn man ehrlich hinschaut?
Warum diskutieren wir Assistenten, wenn die Entscheidung über ganze Branchen fällt?
Welche Rolle behält der Mensch, und wer entscheidet das?
Nicht umschulen. Nicht Bediener bleiben. Sondern verstehen, wo er unersetzlich ist und wo nicht.
Das Festival hat michbewegt, im besten Sinn. Die Frage, die mich nach Hause begleitet hat, bekam allerdings ein zu wenig Bühne. Vielleicht nächstes Jahr. Aber Big Bang hat sich gelohnt.



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