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Der Notruf auf hoher See: Warum radikale Veränderungsprozesse in der Marketingkommunikation unerlässlich sind

Autorenbild: Dirk Kedrowitsch
Dirk Kedrowitsch
1. Juni
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 26. Juli

Ein Notruf klingt nach Panik. Ist aber das Gegenteil.


Er ist die nüchterne Entscheidung, dass Weitermachen wie bisher keine Option mehr ist. Kurs halten wäre der Fehler, nicht das Umsteuern.


Genau da steht Marketingkommunikation heute. Nicht im Untergang, aber in Gewässern, für die die alten Seekarten nicht mehr taugen. Wer weiter nach der alten Karte navigiert, läuft nicht in den Sturm. Er läuft in die Bedeutungslosigkeit. Leiser als ein Sturm, aber genauso teuer.



Die alte Karte stimmt nicht mehr


Eine Zahl macht das Ausmaß klar. 2018 lag der digitale Anteil an den weltweiten Werbeinvestitionen noch knapp unter der Hälfte. 2024 waren es 72,7 Prozent (DataReportal, Digital 2025).


Das ist kein Trend. Das ist der neue Normalzustand.


Und diese Verschiebung betrifft nicht nur die Kanäle, sondern die Erwartung dahinter. Kunden wollen längst mehr als eine Botschaft, die man ihnen entgegenschleudert. Sie wollen Relevanz, Tempo, eine Reaktion, die auch ankommt. Klassische Kommunikationswege liefern das oft nicht, weil sie zu starr gebaut sind: lange Vorläufe, feste Formate, ein Sender, viele Empfänger. Wer daran festhält, weil es „immer funktioniert hat", verwechselt Gewohnheit mit Kompass.

Kleine Kurskorrekturen reichen nicht

Der Reflex in dieser Lage ist verständlich: hier ein bisschen digitaler, dort ein neuer Kanal, ansonsten weiter wie bisher. Das ist das Gegenteil von Steuern. Das ist Treiben mit besserer Ausrede.


Ein echter Kurswechsel fragt unbequemer. Welche Prozesse tragen den Kurs noch, und welche halten wir nur aus Bequemlichkeit? Wo entsteht Wert für den Kunden, und wo verwalten wir vor allem uns selbst? Radikal heißt hier nicht laut. Es heißt: an die Substanz, nicht an die Oberfläche.


Konkret läuft das auf ein paar Verschiebungen hinaus, die zusammen mehr sind als die Summe einzelner Maßnahmen. Kommunikation wird digital-first gedacht, nicht digital-auch. Der Kunde wird zum Absender, nicht nur zum Ziel: Feedback fließt zurück in die Botschaft, statt in der Auswertung zu versanden. Teams arbeiten in kurzen Schleifen, damit eine Marktbewegung Tage kostet und nicht ein Quartal. Und Formate dürfen wehtun: interaktives Bewegtbild, Audio, Live, statt der dreißigsten Variante der Kampagne, die schon 2019 solide war.


Ja, das kostet. Nichtstun kostet mehr

Radikale Veränderung ist kein Selbstläufer. Sie bindet Budget, sie verunsichert Teams, und die ersten Versuche gehen selten sofort auf. Wer das kleinredet, verkauft Kitsch.


Nur ist die Alternative keine sichere Bank, sondern eine langsame. Wer schneller und mutiger steuert, hebt sich in einem Feld ab, in dem die meisten noch zögern. Authentische, relevante Kommunikation baut Vertrauen auf, und Vertrauen ist die einzige Währung, die auf LinkedIn und anderswo nicht inflationiert. Neue Wege öffnen neue Reichweiten. Der Preis fürs Abwarten steht auf keiner Rechnung, aber er wird trotzdem bezahlt: in Sichtbarkeit, in Marktanteil, in Relevanz.


Wie man den Kurs neu setzt

Der Anfang ist unspektakulär, und das ist gut so. Zuerst der ehrliche Blick auf die Lage: Was von dem, was wir tun, wirkt wirklich, und was läuft nur, weil es immer lief? Dann ein klares Ziel, kein diffuses „mehr Digital", sondern eine Entscheidung: mehr Reichweite, engere Bindung, bessere Conversion. Dann das Team an Bord holen, früh und ehrlich, denn Widerstand wächst im Dunkeln. Dann klein anfangen mit echten Pilotprojekten, aus denen man lernen darf, auch aus dem, was scheitert. Und schließlich messen und nachsteuern, immer wieder, weil ein Kurs kein Beschluss ist, sondern eine laufende Korrektur.


Als jemand, der Unternehmen täglich durch genau solche Umbrüche begleitet, sehe ich immer dasselbe Muster: Nicht die Größe der Veränderung erschreckt die Leute, sondern die Vorstellung, sie in einem Schritt gehen zu müssen. Muss man nicht. Man muss nur aufhören, mit der falschen Karte zu navigieren.


Der Notruf ist längst abgesetzt. Die eigentliche Frage ist nicht, ob man ihn hört. Sondern ob man ihn als Panik missversteht oder als das, was er ist: der Moment, den Kurs zu ändern, solange man noch die Wahl hat.

 
 
 

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